Schwülstiges aus dem Fin de Siècle: Massenets Thais im Theater an der Wien

Schwülstiges aus dem Fin de Siècle: Massenets Thais im Theater an der Wien

Jules Massenet war der mit Abstand erfolgreichste französische Opernkomponist des 19. Jahrhunderts. Einige seiner Opern, so der „Werther“, haben bis heute ihren festen Platz im internationalen Opernrepertoire. Das trifft nur sehr bedingt für die unmittelbar nach dem „Werther“ entstandene Oper „Thaïs“ zu.

1894 an der Pariser Oper uraufgeführt, wurde das Werk erst nach einer Überarbeitung durch den Komponisten zum Erfolg. In der damaligen Zeit konnte die Legende von der ägyptischen Hetäre Thaïs und ihre Läuterung durch den Glauben vielleicht mehr überzeugen als heute. War ursprünglich die hohe Anforderung an die Sänger der Hauptpartien der Grund für die mangelnde Durchsetzung des Werkes, so ist es heute die doch sehr aus der Zeit gefallene Thematik und die Schwülstigkeit des Librettos. Die Handlung tritt auf der Stelle und echte Dramatik will sich während der gesamten Aufführungsdauer von etwa zwei Stunden nicht einstellen.

Das Theater an der Wien hat sich 2021 dieses Werkes angenommen und es prominent besetzt gezeigt. Als Regisseur verpflichtete man Peter Konwitschny, einen der „Altmeister“ des modernen Regietheaters. Er versucht , das Werk ein wenig dadurch zu modernisieren, dass er den sündigen Tempel der Thaïs zu einer Party-Location umdeutet, in die sich auch Pressefotografen und Showgirls tummeln. Da darf auch eine Linie Koks nicht fehlen, die Thaïs genüsslich schnupft. Solche Details reichen aber nicht aus, um dem Publikum den etwas verquasten Plot näher zu bringen.

Der Bühnen- und Kostümbildner Johannes Leiacker putzt die Szene im zweiten Akt ein wenig mit bunten Kostümen für das Gefolge von Thaïs auf, diese darf ein geschmacklich etwas entgleistes Kostüm tragen, das über und über mit roten Federn besetzt ist. Kulissen gibt es außer einem Sofa nicht. Etwas irritierend ist, dass alle Protagonisten außer Thaïs Flügel tragen, die Frommen schwarze,  die Sündigen weiße.

Wenn etwas diese Oper retten kann, dann sind es gute Sänger. Daran hat man in Wien nicht gespart, die glamouröse Nicole Chevalier überzeugt gleichermaßen als sündige Hetäre, wie als geläuterte Christin. Ihr schön timbrierter, farbenreicher Sopran bewältigt auch die dramatischen Passagen dieser schwierigen Partie. Darstellerisch gibt sie alles, aber den Kampf gegen das Libretto kann auch sie nicht gewinnen. Ihr Gegenspieler, der fromme Athanaël, ist mit dem Bassbariton Josef Wagner ausgezeichnet besetzt. Er setzt seine heldische Stimme wirkungsvoll ein, so werden die umfangreichen Zwiegespräche zwischen ihm und Thaïs zu vokalen Glanzpunkten. Roberto Saccà als Thaïs Liebhaber Nicias verfügt immer noch über einen kräftigen, gut gebildeten Tenor, der das Trio der Hauptfiguren optimal ergänzt.

Der Arnold Schönberg Chor und das ORF Radio Symphonieorchester Wien bilden den soliden Unterbau für die Aufführung, die von Leo Hussain am Pult umsichtig geleitet wird .

Das bekannteste Stück aus der Oper ist die berühmte Zwischenaktmusik „Meditation“. Bei der könnte man es eigentlich belassen!

Jules Massenet
Thaïs
Leo Hussain

ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Unitel 80 5004

zuerst erschienen bei http://www.klassik-begeistert.de

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