Irgendwie war sie schon immer da, die Musik. Zuerst aus dem Radio, das mein Vater permanent laufen ließ, sobald er daheim war. Danach Musikunterricht in der Volksschule, der sich hauptsächlich auf das Singen einfacher Lieder beschränkte.
Die im Krieg schwer beschädigte Wiener Staatsoper wurde 1955 wieder eröffnet, da war ich neun Jahre alt und die Zeitungsberichte im Vorfeld fand ich interessant, da wurden die Namen von Stars der Vergangenheit erwähnt, die als Ehrengäste zur Eröffnungsfeier eingeladen waren. Bald danach wollten auch meine Eltern das neue gestaltete Innere des Hauses sehen, und besuchten mit mir eine „Zauberflöten“-Aufführung, spätestens da wurde ich mit dem Virus klassische Musik, speziell Oper, infiziert.
Erblich war ich wohl durch meinen mütterlichen Großvater belastet, der ein Opernabonnement hatte, aber bereits vor meiner Geburt starb. Meine Mutter fand erst in ihren späten Jahren wieder zur Musik, die Mühsal des täglichen Lebens und finanzielle Knappheit hatten lange den Vorrang.
In meinen frühen Teenager-Jahren dominierten relativ kurz Popmusik und aktuelle Schlagerstars meinen Musikgeschmack, Klassiker dieses Genres gefallen mir heute noch, aber der Fokus bewegte sich schnell wieder in Richtung Klassik, vor allem Oper. Erleichtert wurden die Opernbesuche durch die sensationell günstigen Stehplatztickets der Wiener Opernhäuser, die ich so häufig nutzte, dass mich meine Mutter einmal fragte: „Wohnst Du eigentlich schon in der Oper?“
Die Sänger, die ich damals hörte, sind heute schon Legende, sie haben aber meinen Qualitätsstandard nachhaltig geprägt. Viele der heute gehypten Stars erreichen diesen Standard nicht. Das ist keine Verklärung der Vergangenheit, sondern kann jederzeit auf Schallplatten, ja sogar auf YouTube-Clips nachgehört werden. Bereits mit 19 Jahren zog ich von Wien nach München, nicht ohne mich vorher vergewissert zu haben, dass auch diese Stadt ein traditionsreiches Opernhaus hat. In den 28 Jahren meiner Münchner Zeit habe ich unzählige Aufführungen von großer Bandbreite im dortigen Nationaltheater gehört. Es waren sogar Uraufführungen darunter, wie 1978 Aribert Reimanns „Lear“ mit dem Ehepaar Fischer-Dieskau und Varady.
Ich besuchte auch Symphoniekonzerte, aber meine Fixierung auf Vokalmusik konnte ich lange nicht überwinden. Zum regelmäßigen Konzertbesuch fand ich eigentlich erst nach meinem Umzug nach Berlin, wo ein Abonnement der Konzerte der Berliner Philharmoniker meinen musikalischen Horizont doch schlagartig erweiterte.
Jahr um Jahr vergrößerte sich seit den 1990er-Jahren mein musikalisches Spektrum, auch meine nicht mehr überschaubare Sammlung von Tonträgern dehnte sich weiter aus. Musik war mir immer schon wichtig gewesen, aber ihr Stellenwert in meinem täglichen Leben wuchs beständig. Mir wurde immer stärker bewusst, wie stark sie unsere Gefühle beeinflussen kann. Den Text des wunderbaren Schubert-Liedes „An die Musik“, verfasst von seinem Freund Franz von Schober könnte ich heute fast als eigenes Lebensmotto bezeichnen.
Ja, sie kann einen aus trüber Stimmung oder Kummer heben, in jedem Fall aber weitet sie das Spektrum der Gefühle. Die ungeheure stilistische Vielfalt von Musik ist gleichzeitig auch stets eine intellektuelle Herausforderung. A-Cappella-Chöre der Renaissance und Musik der 2. Wiener Schule, die Symphonien Mahlers oder Schostakowitsch’ verlangen verschiedene Zugangswege. Sie aufzuspüren ist eine Herausforderung, die schon einen Wert für sich darstellt. Jeder Mensch reagiert verschieden auf bestimmte Musik, schmilzt der eine bei Mimìs Schwindsuchttod dahin, bewegt den anderen das unendlich traurige Volkslied-Zitat in Alban Bergs Violinkonzert zu Tränen.
Alle Komponisten haben verschiedene Wege zum Herzen ihrer Zuhörer gesucht, gemeinsam ist ihnen aber der Wunsch, Emotionen auszulösen. Sich diesen hinzugeben, ist eine Bereicherung für die Seele, und ist vielleicht tatsächlich ein Schlüssel für ein emotional reiches Leben.
Hugo von Hofmannsthal legt dem Komponisten in der „Ariadne auf Naxos“ die Worte in den Mund: „Musik ist eine heilige Kunst, zu versammeln alle Arten von Mut wie Cherubim um einen strahlenden Thron! Und darum ist Musik die heilige unter den Künsten!“
Das kann, und will ich mit meinen nun 80 Jahren sofort unterschreiben.
zuerst erschienen bei http://www.klassik-begeistert.de