Eine schlafende Schöne und eine Oper werden wach geküsst

Eine schlafende Schöne und eine Oper werden wach geküsst

Der französische Komponist Charles Silver ist heute, trotz seiner Erfolge zu Lebzeiten, weitgehend vergessen. Als Sohn eines russischen Handlungsreisenden 1868 in Paris geboren, entschloss er sich frühzeitig zu einer musikalischen Laufbahn. Er studierte am Pariser Konservatorium u.a. Komposition in der Klasse von Jules Massenet. Nach dem Erhalt der französischen Staatsbürgerschaft konnte er am Wettbewerb um den renommierten Prix de Rome teilnehmen, den er 1891 auch gewann.

Zunächst war Silver mit Konzertstücken erfolgreich, ehe er sich nach seiner Heirat mit der Sängerin Georgette Bréjean auch der Oper zuwandte. Seine Oper „La Belle au bois dormant“ wurde von der Pariser Oper nicht angenommen, erlebte ihre Uraufführung daher 1902 am Grand Théâtre de Marseille. Die Hauptrolle der Aurore übernahm Silvers Gattin Georgette Bréjean.

Trotz der erfolgreichen Uraufführung verschwand das Werk bald vom Spielplan, weil der Vertrag von Silvers Ehefrau mit dem Opernhaus auslief.

Das Engagement von Palazzetto Bru Zane versucht nun, das zu Unrecht vergessene Werk durch eine luxuriöse CD-Produktion, die der Mitschnitt einer konzertanten Aufführung in Budapest ist, und durch eine demnächst stattfindende Bühnenproduktion wieder neu zu beleben.

Für die konzertante Aufführung in Budapest wurde das Hungarian National Philharmonic Orchestra und der Hungarian National Choir verpflichtet, die sich unter dem Dirigenten György Vashegyi sensibel in das französische Idiom von Text und Musik vertiefen und den Gesangssolisten ein stabiles Fundament bieten.

Silvers Stil kann den Lehrmeister Massenet nicht verleugnen, findet aber doch auch zu einer eigenständigen Handschrift. Speziell in den Liebesszenen zwischen der schönen, schlafenden Aurore und dem Prinzen lässt er das Orchester in reizvollen Farben aufblühen. Die vier Akte der Oper werden mehrfach durch Pantomimen, im dritten Akt auch durch ein der französischen Tradition geschuldetes Ballett unterbrochen. Die dem deutschen Märchen vom Dornröschen ähnliche Geschichte bietet für die Sänger dankbare Rollen.

Die Sopranistin Guylaine Girard zeigt als Aurore einen schlanken, angenehm timbrierten lyrischen Sopran, und wird der Rolle bestens gerecht. Als Prinz kann Julien Dran mit ebenfalls lyrischem Tenor perfekte Harmonie mit seiner Partnerin herstellen. Ein wenig blass bleibt Kate Aldrich als böse Fee Urgèle, dagegen können Matthieu Lécroart als Barnabé und Clémence Tilquzin als Jacotte voll überzeugen, ihnen fällt der Part des Buffo-Pärchens zu, das die Handlung ein wenig auflockert.

Man kann dem Werk nur wünschen, dass es durch die gelungene Aufführung und gediegene CD-Veröffentlichung nachhaltig wach geküsst wird!

Charles Silver
La Belle au bois dormant

Guylaine Girard
Julien Dran
Kate Aldrich

Hungarian National
Philharmonic Orchestra
György Vashegyi

Palazzetto Bru Zane 47

zuerst erschienen bei http://www.klassik-begeistert.de

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