Die Erwartungen waren groß gewesen: nach langer Abstinenz eine der schönsten Verdi-Opern in einer Neuinszenierung mit einer prominenten Besetzung. Drei Stunden später verlässt man das Haus Unter den Linden enttäuscht, ja sogar verärgert.
Was war geschehen? Starbariton Ludovic Tézier stieg wohl während der Proben aus, er wird gewusst haben, warum. Aber Superstar Anna Netrebko sang, und das ausgezeichnet. Es ist erstaunlich, wie die Sängerin nach einer über dreißig Jahre währenden Karriere noch über eine völlig intakte, in allen Lagen sichere Stimme verfügt, sich eigentlich immer noch steigert. Das ist wohl einer guten Technik, aber auch einem klug entwickelten Repertoire geschuldet. Die Sängerin wurde nach ihren Arien frenetisch gefeiert, fast konnte man schon eine gewisse Hysterie bei den Bravo-Rufern ausmachen.
Der für Tézier eingesprungene Amartuvshin Enkhbat als Amelias Gatte Renato brachte für seine Rolle eine groß dimensionierte Baritonstimme mit, leider war differenzierte Phrasierung seine Sache nicht, dafür aber die Lautstärke. Dem tragischen Helden Riccardo lieh Charles Castronovo seinen kräftigen Tenor. Ihm gelangen große Momente, aber sein Problem sind die Registerwechsel und dadurch eine fehlende Geschmeidigkeit der Stimme. Seinen stärksten Moment hatte er im Duett mit Netrebko.

Voll überzeugen konnte Anna Kissjudit als Ulrica, die der kurzen aber markanten Partie der Ulrica mit ihrem vollen, höhensicheren Mezzosopran Format verlieh. Blass blieb dagegen der Oscar von Enkeleda Kamani, unauffällig auch die restlichen Comprimarii.

Enrique Mazzola am Pult hielt Ensemble und Graben gut im Griff, ein wenig vermisste man aber so etwas wie Gestaltungswillen und Interpretation.
Die Inszenierung von Raffael Villalobos ist eine Koproduktion mit dem Palau de les Arts Reina Sofia in Valencia. Die Arbeit, sofern sie ein Konzept hat, lässt ein solches aber nicht erkennen. Der Regisseur ließ sich von Emanuele Sinisi einen grauen Betonbunker bauen, der für die einzelnen Akte nur marginal verändert wird. Als fahle Beleuchtung dienen Neonröhren, ein halb abgewracktes Auto ist fast die einzige „Möblierung“ der Szene.

Die Inszenierung kennt kein Ambiente und kein Milieu, Riccardo wird als Graf tituliert, ist wohl mächtig, aber die ihn umgebenden Männer erscheinen in Alltagskleidung, das sind bevorzugt schlecht sitzende Anzüge.
Villalobos kann nicht nur nicht Personenführung, auch den Chor kann er nicht zu überzeugenden Aktionen motivieren. In der finalen Ballszene darf ein Schwulen-Ballett nicht fehlen, aber das kann die Komische Oper besser.

Im Programmheft erläutert der Regisseur einige seiner Ideen, die man eigentlich nur als Beleidigung der Intelligenz des Publikums verstehen kann. Die schlimmste seiner dem Stück aufgepfropften Veränderungen betrifft den Pagen Oscar: ihn funktioniert er in den nicht-binären Sohn Amelias und Renatos um.
Kein Wunder, dass die im Stich gelassenen Sänger es nicht schafften, die Aufführung ins Positive zu wenden, der Dilettantismus von Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner legte sich wie Mehltau über den gesamten Abend.
Ein durch die hohen Eintrittspreise besonders applausfreudig gestimmtes Publikum feierte die Sänger- und sich selbst. Rafael Villalobos aber wurde überwiegend mit deutlichen Buhrufen abgestraft.
Es bleibt die bohrende Frage: wer holte solchen provinziellen Trash an die Staatsoper?
Giuseppe Verdi
Un Ballo in maschera
Riccardo: Charles Castronovo
Renato: Amartuvshin Enkhbat
Amelia: Anna Netrebko
Ulrica: Anna Kissjudit
Oscar: Enkeleda Kamani
Regie: Rafael R. Villalobos
Bühne: Emanuele Sinisi
Kostüme: Lorenzo Caprile
Dirigent: Enrique Mazzola
Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 29.März 2026 Premiere
zuerst erschienen bei http://www.klassik-begeistert.de