Silvesterkonzerte sind eine ganz eigene Spezies, sie sind für ein festlich gestimmtes, feierwütiges Publikum konzipiert. Dieses will in erster Linie unterhalten werden, und bevorzugt Altbekanntes zu hören. Also greift man bei der Programmgestaltung bewusst auf bewährte Zugnummern zurück, Sprödes oder zu Anspruchsvolles wird bewusst vermieden.
Nicht anders an diesem Silvesterabend 2025 in der Berliner Philharmonie. Schon die Polonaise aus Tschaikowskys „Eugen Onegin“ gab die Richtung vor, es folgte eine ganze Reihe kurzer, effektvoller Piecen, mit denen das Orchester seinen einsamen Rang nachhaltig unter Beweis stellen konnte. Es ist immer ein Vergnügen, diesen Verband exzellenter Solisten musizieren zu hören, von denen jeder Einzelne ein Virtuose auf seinem Instrument ist. Auch diesmal kann der charismatische Konzertmeister Noah Bendix-Balgley mit einem wunderbaren Solo überzeugen.
Sozusagen als besondere Garnierung auf der Festtagstorte diente dieses Jahr der gefeierte französische Tenor Benjamin Bernheim. Mit Arien aus „Eugen Onegin“, „Romeo und Julia“, „Werther“ und „Carmen“ eroberte er das Publikum buchstäblich mit dem ersten Ton. Bernheims technisch perfekt geführter Tenor beginnt sich vom Lyriker zum Spinto-Tenor zu entwickeln, zeichnet sich durch gekonnte Phrasierung und ein angenehmes, beinahe zartes Timbre aus. Dass er aber auch dramatische Qualitäten besitzt, kann er spätestens mit der Arie des Werther beweisen, die zum Glanzstück des Abends wird.
Das Programm bewegt sich zwischen Tschaikowsky, den Franzosen Bizet, Chabrier und Massenet bis hin zur abschließenden Cuban Overture von George Gershwin. Ein Konzept ist in dem Ablauf nicht zu erkennen, gemeinsam ist den einzelnen Stücken nur, dass sich Orchester und Dirigent effektvoll in Szene setzen können.

Ob man dem Publikum nicht doch ein bisschen mehr an Tiefgang und Konfrontation mit Ungewohntem hätte zumuten können? Wenn Bernheim als Zugabe noch Puccinis unverwüstliche Sterne besingt, und Petrenko das Orchester durch das Vorspiel zum 4. Akt der Carmen peitscht, driftet der Abend doch bedenklich in Richtung Beliebigkeit ab. Aber erlaubt ist schließlich, was gefällt!
Peter Sommeregger, 30. Dezember 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Programm:
Peter Tschaikowsky
Eugen Onegin op. 24: Polonaise
Peter Tschaikowsky
Eugen Onegin op. 24: Einleitung und »Kuda, kuda vï udalilis«, Arie des Lenski aus dem 2. Akt
Benjamin Bernheim Tenor
Gabriel Fauré
Pelléas et Mélisande, Orchestersuite op. 80: 3. Satz Sicilienne
Charles Gounod
Roméo et Juliette: »L’amour!«, Cavatine des Roméo aus dem 2. Akt
Benjamin Bernheim Tenor
Peter Tschaikowsky
Romeo und Julia, Fantasie-Ouvertüre nach Shakespeare
Jules Massenet
Werther: Vorspiel zum 1. Akt
Jules Massenet
Werther: »Pourquoi me réveiller«, Arie des Werther aus dem 3. Akt
Benjamin Bernheim Tenor
Georges Bizet
L’Arlésienne: Suite Nr. 2 für Orchester: Nr. 4 Farandole
Georges Bizet
Carmen: »La fleur que tu m’avais jetée«, Blumenarie des Don José aus dem 2. Akt
Benjamin Bernheim Tenor
Emmanuel Chabrier
España, Rhapsodie für Orchester
George Gershwin
Cuban Overture
Kirill Petrenko © Monika Rittershaus
zuerst erschienen bei http://www.klassik-begeistert.de