Auch fast vier Jahrzehnte nach dem Tod des gefeierten Dirigenten Herbert von Karajan ist sich die Nachwelt uneins, was dessen Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus betrifft. Ursprünglich war man noch diskret darüber hinweggegangen, aber spätestens seit den 1980er Jahren wurde speziell die- von ihm nie geleugnete- Mitgliedschaft in der NSDAP kritisch hinterfragt. Das führte auch zur Entfernung einer Büste im Aachener Theater, dessen GMD er einst gewesen war, selbst in seiner Geburtsstadt Salzburg erwog man ernsthaft, den Herbert-von-Karajan-Platz wieder umzubenennen.
Der jüdische Historiker Michael Wolffsohn hat den nun wahrhaft erschöpfenden Versuch unternommen, faktenbasiert der „braunen Spur“ in Karajans Leben nachzugehen. Zeitzeugen stehen naturgemäß nicht mehr viele zur Verfügung, also musste Wolffsohn in deren überlieferten Äußerungen zu Karajan nach Hinweisen suchen.
Hartnäckige Gerüchte über einen gleich zweimaligen Eintritt Karajans in die Partei sind längst widerlegt, dass für den Erhalt seiner Stellung in Aachen eine Mitgliedschaft in der NSDAP obligatorisch war, muss jedem Kritiker der Person Karajans klar sein. In einer Diktatur herrschen eigene Regeln.
Die Einschätzung, Karajan habe von den Machthabern des Dritten Reiches profitiert, widerlegt Wolffsohn aufgrund unbestechlicher Fakten, die beweisen, dass der Dirigent spätestens ab 1942 bei den Machthabern in Ungnade gefallen war.
Seine ebenfalls 1942 erfolgte Heirat mit der Fabrikantentochter Anita Gütermann, die nach den Rassegesetzen Vierteljüdin war, zeigt den Dirigenten als alles andere, denn als linientreuen Nazi. Diese Heirat ist auch bereits ein Hinweis darauf, dass Karajan wohl kein Antisemit war. Dies belegt der Autor akribisch durch Analyse des Verhältnisses des Dirigenten zu jüdischen Künstlern und Menschen allgemein. Zu nicht Wenigen bestanden lebenslange Freundschaften, oder zumindest konfliktfreie Beziehungen.
Wolffsohn kommt zu dem Schluss, dass Karajan zwar formal Nazi war, aber keineswegs ein Gesinnungsnazi. Damit steht er im Widerspruch zu den Ergebnissen anderer Autoren, die auf dem gleichen Feld forschten. Dass Wolffsohns Studie auf einen Auftrag des Karajan-Institutes zurückgeht ist kein Argument, an der Sorgfalt der Recherche des Autors zu zweifeln, es erstaunt nur, zu welch gegensätzlichen Erkenntnissen selbst Wissenschaftler kommen können. Erstaunlich aber, dass Wolffsohn ein paar wenige Flüchtigkeitsfehler unterlaufen: Den Bassisten Rudolf Bockelmann erklärt er zum Lieblingstenor Hitlers, Giacomo Meyerbeer verpasst er den Vornamen Gustav, und der zwielichtige Heinz Tietjen wird auch einmal als Tiedtjen benannt.
Ein wenig ermüdend ist die Endlosschleife, in der Wolffsohn immer wieder den Gegensatz zwischen Formal-und Gesinnungsnazi betont. Sein Buch, und die ersten Reaktionen darauf sind aber nur der Beweis dafür, dass das Kapitel Karajan und der Nationalsozialismus längst noch nicht geschlossen ist.
Michael Wolffsohn
Genie und Gewissen
Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus
Herder
zuerst erschienen bei http://www.klassik-begeistert.de