Die Komische Oper Berlin hatte im Jahr 2011 zuletzt eine Salome-Inszenierung herausgebracht, die von Kritik und Publikum gleichermaßen abgelehnt wurde, und bald vom Spielplan verschwand. Ganz anders verlief diesmal das Ende des Premierenabends: einhelliger Beifall für Regie und Ensemble, ein Erfolg auf der ganzen Linie!
Der Regisseur Evgeny Titov ließ sich vom Bühnenbildner Rufus Didwiszus einen geschlossenen, kahlen Raum bauen, der lediglich den Abgang zur Zisterne, eine schmale Eingangstür und eine große Kugellampe, die für den Mond steht, enthält. Auf solche Art gefangen sind die Protagonisten einander wechselseitig ausgeliefert, womit bereits eine Grundspannung erreicht ist.

Als Salome die Bühne betritt, die große Überraschung: ihr ganzer Kopf ist von einem weißen Helm bedeckt, ähnlich der Schutzmaske beim Fechten. Diesen wird sie bis zum Schluss nicht ablegen, als beim Tanz für Herodes nach und nach ein Dutzend gleich kostümierte Salomes auf der Bühne tanzen, scheint dies des Rätsels Lösung zu sein. Nur durch das verhüllte Gesicht sehen die vielen Salomes identisch aus. Trotzdem nimmt diese Kostümierung Nicole Chevalier die Dimension der mimischen Darstellung der Rolle, was sich über den Abend doch als deutliches Manko erweist.
Brillant dagegen der choreographische Effekt, den die vielen Salomes auf Herodes haben, als dessen erotische Fantasie man diesen Auftritt unschwer deuten kann. Die Choreographin Martina Borroni schafft für die Inszenierung damit einen deutlichen Pluspunkt.

Eine Schwachstelle der Produktion sind die Kostüme von Esther Bialas. Der Wechsel zwischen Alltagskleidung und historischen Kostümen macht wenig Sinn, die Festgesellschaft von Herodes erinnert fatal an eine queere Party in entsprechenden Outfits. Sehr ungünstig hat man den Jochanaan Günter Papendells ausstaffiert. Im Programmheft finden sich noch Bilder von ihm mit Langhaar-Perücke, die ja von Salome besungen wird, in der Aufführung erscheint er mit glatt rasiertem Kopf, was den Text ad absurdum führt.
Da und dort enthält die Inszenierung Unstimmigkeiten, aber in Summe muss man Titov eine atmosphärisch dichte, geglückte Umsetzung des Stoffes attestieren.
GMD James Gaffigan heizt das Orchester der Komischen Oper auf hohe Betriebstemperatur, mit stimmigen Tempi steuert er durch die geniale Partitur von Richard Strauss, ohne dabei die Sänger im Stich zu lassen.

Nicole Chevalier verleiht der Titelrolle gleichermaßen zarte Kantilenen, aber auch dramatischen Biss. Nach ein wenig zaghaftem Beginn steigert sie sich ungemein, nur im Schlussgesang werden die Grenzen ihres doch eher lyrischen Soprans erkennbar. Ähnliches gilt für Günter Papendells Jochanaan, der kraftvoll zupackend singt, aber nicht ganz die von ihm gewohnte stimmliche Souveränität erreicht. Gewohnt zuverlässig und präsent die Herodias von Karolina Gumos, eine positive Überraschung der spielfreudige Charaktertenor Matthias Wohlbrecht als schillernder, ausgezeichnet singender Herodes.

Ein Totalausfall ist leider der Narraboth von Agustín Gómez, der kraftlos und zu leise die Kantilene des Beginns verschenkt. Das klang doch sehr nach Indisposition, und sei damit entschuldigt.
Am Ende großer, verdienter Jubel für alle Beteiligten.
Und Nicole Chevalier durfte endlich ihre Maske ablegen.
Richard Strauss
SALOME
Musikdrama in einem Aufzug [1905]
Libretto vom Komponisten
nach Oscar Wildes gleichnamiger Dichtung
in deutscher Übersetzung von Hedwig Lachmann
Salome Nicole Chevalier
Jochanaan Günter Papendell
Herodes Matthias Wohlbrecht
Herodias Karolina Gumos
Narraboth Augustín Gómez
Inszenierung Evgeny Titov
Choreografie Martina Borroni
Kostüme Esther Bialas
Bühnenbild Rufus Didwiszus
Dirigent James Gaffigan
Komische Oper Berlin, 22. November 2025, PREMIERE
zuerst erschienen bei http://www.klassik-begeistert.de