Diese Salome zeigt kein Gesicht, dafür großes Format

Die Komische Oper Berlin hatte im Jahr 2011 zuletzt eine Salome-Inszenierung herausgebracht, die von Kritik und Publikum gleichermaßen abgelehnt wurde, und bald vom Spielplan verschwand. Ganz anders verlief diesmal das Ende des Premierenabends: einhelliger Beifall für Regie und Ensemble, ein Erfolg auf der ganzen Linie!

Der Regisseur Evgeny Titov ließ sich vom Bühnenbildner Rufus Didwiszus einen geschlossenen, kahlen Raum bauen, der lediglich den Abgang zur Zisterne, eine schmale Eingangstür und eine große Kugellampe, die für den Mond steht, enthält. Auf solche Art gefangen sind die Protagonisten einander wechselseitig ausgeliefert, womit bereits eine Grundspannung erreicht ist.

Salome (Nicole Chevalier) und Narraboth (Agustín Gómez)© Jan Windszus

Als Salome die Bühne betritt, die große Überraschung: ihr ganzer Kopf ist von einem weißen Helm bedeckt, ähnlich der Schutzmaske beim Fechten. Diesen wird sie bis zum Schluss nicht ablegen, als beim Tanz für Herodes nach und nach ein Dutzend gleich kostümierte Salomes auf der Bühne tanzen, scheint dies des Rätsels Lösung zu sein. Nur durch das verhüllte Gesicht sehen die vielen Salomes identisch aus. Trotzdem nimmt diese Kostümierung Nicole Chevalier die Dimension der mimischen Darstellung der Rolle, was sich über den Abend doch als deutliches Manko erweist.

Brillant dagegen der choreographische Effekt, den die vielen Salomes auf Herodes haben, als dessen erotische Fantasie man diesen Auftritt unschwer deuten kann. Die Choreographin Martina Borroni schafft für die Inszenierung damit einen deutlichen Pluspunkt.

Herodes (Matthias Wohlbrecht), Salome (Nicole Chevalier), Tänzerinnen (Lind­say Dunn/Clau­dia Gre­co/Rachel Skipor/Lea Birkhoff/Da­ni­elle Be­za­ire/Alicia Diges Sanz/Gabriella Lemma/Giorgia Bortoluzzi/Laura Beschi/Valeriia Hereha/Theoni Boufi/Leonor Campillo) © Jan Windszus 

Eine Schwachstelle der Produktion sind die Kostüme von Esther Bialas. Der Wechsel zwischen Alltagskleidung und historischen Kostümen macht wenig Sinn, die Festgesellschaft von Herodes erinnert fatal an eine queere Party in entsprechenden Outfits. Sehr ungünstig hat man den Jochanaan Günter Papendells ausstaffiert. Im Programmheft finden sich noch Bilder von ihm mit Langhaar-Perücke, die ja von Salome besungen wird, in der Aufführung erscheint er mit glatt rasiertem Kopf, was den Text ad absurdum führt.

Da und dort enthält die Inszenierung Unstimmigkeiten, aber in Summe muss man Titov eine atmosphärisch dichte, geglückte Umsetzung des Stoffes attestieren.

GMD James Gaffigan heizt das Orchester der Komischen Oper auf hohe Betriebstemperatur, mit stimmigen Tempi steuert er durch die geniale Partitur von Richard Strauss, ohne dabei die Sänger im Stich zu lassen.

KOB Salome Richard Strauss, Salome (Nicole Chevalier) © Jan Windszus

Nicole Chevalier verleiht der Titelrolle gleichermaßen zarte Kantilenen, aber auch dramatischen Biss. Nach ein wenig zaghaftem Beginn steigert sie sich ungemein, nur im Schlussgesang werden die Grenzen ihres doch eher lyrischen Soprans erkennbar. Ähnliches gilt für Günter Papendells Jochanaan, der kraftvoll zupackend singt, aber nicht ganz die von ihm gewohnte stimmliche Souveränität erreicht. Gewohnt zuverlässig und präsent die Herodias von Karolina Gumos, eine positive Überraschung der spielfreudige Charaktertenor Matthias Wohlbrecht als schillernder, ausgezeichnet singender Herodes.

Salome (Nicole Chevalier) © Jan Windszus

Ein Totalausfall ist leider der Narraboth von Agustín Gómez, der kraftlos und zu leise die Kantilene des Beginns verschenkt. Das klang doch sehr nach Indisposition, und sei damit entschuldigt.

Am Ende großer, verdienter Jubel für alle Beteiligten.
Und Nicole Chevalier durfte endlich ihre Maske ablegen.

Richard Strauss

SA­LO­ME

Musikdrama in einem Aufzug [1905]
Libretto vom Komponisten
nach Oscar Wildes gleichnamiger Dichtung
in deutscher Übersetzung von Hedwig Lachmann

Salome   Nicole Chevalier
Jochanaan   Günter Papendell
Herodes   Matthias Wohlbrecht
Herodias   Karolina Gumos
Narraboth   Augustín Gómez

Inszenierung  Evgeny Titov
Choreografie   Martina Borroni
Kostüme   Esther Bialas
Bühnenbild   Rufus Didwiszus

Dirigent   James Gaffigan

Komische Oper Berlin,  22. November 2025, PREMIERE

zuerst erschienen bei http://www.klassik-begeistert.de

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