Diese Neueinspielung von Strauss’ Elektra geht auf eine konzertante Aufführung im norwegischen Bergen vom Dezember 2023 zurück. Der aufstrebende Dirigent Edward Gardner beendete in dieser Saison seine langjährige Chefposition mit dem Bergen Philharmonic Orchestra, dem er aber weiterhin als Gastdirigent verbunden ist.
Sämtliche Gesangspartien in der wohl kühnsten Oper von Richard Strauss zählen zu den herausforderndsten des gesamten Repertoires. Speziell mit der Besetzung der Titelrolle steht und fällt der Erfolg einer Aufführung.
Iréne Theorin, die über viele Jahre das barbarische hochdramatische Fach abdeckte und speziell in Wagner-Partien in Bayreuth erfolgreich war, ist hier als Elektra zu hören. Leider kommt für sie diese Einspielung zu spät, viel zu spät. Ihr großer Sopran ist nur noch ein Schatten ihrer früheren vokalen Möglichkeiten. Zwar trotzt sie ihrer Stimme mit hörbarer Anstrengung alle der zahlreichen Spitzentöne ab, aber sie klingen messerscharf und ihr ausuferndes Vibrato lässt die Stimme aus dem Fokus geraten.
In der Erkennungsszene Elektra/Orest ist Iain Paterson ihr Partner, dessen Bassbariton leider ebenfalls bereits mit starkem Vibrato zu kämpfen hat.
Deutlich frischer singt Jennifer Holloway dagegen die Chrysothemis, die Sängerin ist inzwischen selbst auf dem Weg zur Hochdramatischen, was vom Stimmvolumen her durchaus einleuchtet.
Am eindrucksvollsten schneidet die Klytemnästra von Tanja Ariane Baumgartner ab, der mit vollem, gut geerdetem Mezzosopran ein überzeugendes Rollenporträt gelingt. Auf der Habenseite bewegt sich auch der schneidende Ägisth von Nikolai Schukoff, die fünf Mägde und weitere Comprimarii.
Nachdem die Titelheldin eher eine Hypothek für die Aufnahme darstellt, rückt die Realisierung der gewaltigen Partitur durch das Orchester und den Dirigenten Edward Gardner in den Mittelpunkt. Dieser formte das Orchester über die Jahre zu einem exzellenten Klangkörper, und kann hier nun die Früchte seiner Arbeit ernten. Klug disponierend führt er die Musiker durch die diffizile Partitur, mit seiner Leistung muss sich das Orchester nicht hinter anderen, prominenteren Klangkörpern verstecken.
Gardner selbst empfiehlt sich erneut als sehr fähiger Operndirigent.
Richard Strauss
Elektra
Bergen Philharmonic Orchestra and Chorus
Edward Gardner
Chandos CHSA 5375(2)
zuerst erschienen bei http://www.klassik-begeistert.de