Die Wiedereröffnung des Dresdner Opernhauses, auf den Tag genau 40 Jahre nach seiner Zerstörung, am 13. Februar 1985, war für die Musikwelt, aber insbesondere auch für das sozialistische Regime der DDR ein Großereignis. Wenn man seinerzeit die auch in den Westen übertragene Premiere im Fernsehen erlebte, war man sich über die politischen und ideologischen Hintergründe nicht im Klaren.
Diese umfangreich aufgrund von Zeitdokumenten erlebbar zu machen, ist das große Verdienst dieser Edition. Die umfassenden Booklets enthalten wichtige Dokumente über das Zustandekommen, und die internen Probleme der Eröffnungspremiere des Semperbaues.
Der Regisseur plädierte vergeblich dafür, das Haus mit dem „Rosenkavalier“ zu eröffnen, dem wohl größten Uraufführungserfolg des Hauses. Das Regime lehnte das Werk aber als „spätbürgerlich“, und damit für die Eröffnung unpassend ab. Hinter den Kulissen war auch ein erheblicher Druck auf alle Beteiligten der Produktion aufgebaut, die allgegenwärtige Stasi hatte alle Garderobenräume verwanzt.
Anschaulich schildert der Regisseur Joachim Herz die Atmosphäre der Angst, die damals auf allen lastete. Von den Verantwortlichen wurde wohl übersehen, dass Webers Oper tatsächlich auch die großen Ängste der Protagonisten thematisiert. In der DDR begann es bereits zu gären, nur fünf Jahre später war der Arbeiter- und Bauernstaat Geschichte.
Davon hatte man freilich als westlicher Zuschauer kaum Ahnung. Aus Angst vor unerwarteten Störungen wurde eine Aufführung drei Tage vor der Eröffnung aufgezeichnet, und am Premierenabend gesendet. Im Westen führte man das auf die Sorge zurück, der Sänger des Max, Reiner Goldberg könnte kurzfristig ausfallen. Im Jahr 1982 hatte er in Wien eine Tannhäuser-Premiere durch seinen Ausstieg im ersten Akt beinahe torpediert.
Mit dem Wissen um die Hintergründe dieser Produktion sieht man die Aufführung heute mit anderen Augen. Die naturalistisch gehaltene Inszenierung stellt deutlich den Chor, also das Volk, in den Mittelpunkt. Auffällig ist die extreme Charakterisierung des Fürsten Ottokar als empathielosen Herrenmenschen. Stellenweise ist die Personenführung ein wenig zu betulich, so wird das Ännchen als penetrante Frohnatur gezeichnet, aber gut vierzig Jahre alte Inszenierungen entsprechen fast nie heutigen ästhetischen Vorstellungen.
Das Bild der Aufzeichnung ist trotz sorgfältiger Restaurierung etwas verwaschen, dagegen ist der Ton von bestechender Klarheit. Der Besetzung mit weitgehend lokalen Kräften gelingt eine bemerkenswert gute Aufführung, die auch heute noch erfreuen kann.
Star der Produktion ist der Tenor Reiner Goldberg als Max, der seiner Figur sowohl heldische, als auch lyrische Töne verleiht. Als sein Gegenspieler Kaspar punktet Ekkehard Wlaschiha mit kernigem Bass. In seinem Rollen- und Bühnendebüt als Bauer Kilian erlebt man den jungen Olaf Bär. Der später als Moderator im Fernsehen erfolgreiche Gunther Emmerlich ist ein warm timbrierter Erbförster Kuno, Theo Adam hat einen eindrucksvollen Auftritt als Eremit. Hans-Joachim Ketelsen zwingt man zu einer unsympathischen Darstellung des Fürsten Ottokar, was seine vokale Leistung aber nicht beeinträchtigt. Johannes Kemter ist ein schneidend greller Samuel. Jana Smitkoná singt die Agathe nicht nur idiomatisch sauber, ihr schöner lyrischer Sopran blüht in den Höhen wunderbar auf. Ebenfalls akustisch erfreulich das Ännchen von Andrea Ihle, im Spiel ist sie leider von der Regie stark überzeichnet.
Wolf-Dieter Hauschild hält Staatskapelle, Chor und Solisten in sicherer Balance und wird Webers romantischer Musik gut gerecht. Der Dirigent verließ bereits im darauffolgenden Jahr die DDR, und hatte im Westen noch eine mittlere Karriere.
Musikalisch hat die Aufführung ein erfreulich hohes Niveau. Traurig stimmt, dass außer Smitková, Ketelsen und Bär keiner der Künstler mehr am Leben ist. Umso mehr muss man die Veröffentlichung begrüßen, die durch die enthaltene Dokumentation der Hintergründe noch an dokumentarischem Wert gewinnt.
Carl Maria von Weber
Der Freischütz
Wolf-Dieter Hauschild, Dirigent
Sächsische Staatskapelle Dresden
Sächsischer Staatsopernchor Dresden
hänssler profil PH 25001
zuerst erschienen bei http://www.klassik-begeistert.de