Mozarts Figaro ist seit seiner Wiener Uraufführung im Jahr 1786 eine der erfolgreichsten Opern der Geschichte. Die zahllosen Inszenierungen, die das Werk hier erlebt hat, werden nun von einer aktuellen Neuproduktion in der Regie von Barrie Kosky abgelöst.
Kosky greift zu einem geschickten Trick, um Liebhabern traditioneller Regie und solchen, die es etwas moderner mögen, gleichermaßen gerecht zu werden. Die Bühnenbilder zeigen tatsächlich die barocke Welt des Adels, während die Kostüme zeitgenössisch, zum Teil auch mit historischen Anklängen gehalten sind. So führt er moderne Menschen in historischem Ambiente vor und versöhnt damit die Epochen. Lediglich im vierten Akt löst er das Problem der handlungstechnischen Unübersichtlichkeit durch Klappen im Gartenboden, aus dem und in den die Protagonisten auf originelle Weise abtauchen.
Ihm steht ein jugendliches, ausgesprochen spielfreudiges Ensemble zur Verfügung, das die Turbulenzen dieses „tollen Tages“ temperamentvoll umsetzt. André Schuen ist ein hinreißender Macho, dem es aber auch an der nötigen Eleganz nicht fehlt, schließlich ist er ein Graf. Dass er im zweiten Akt sehr realistisch die Gräfin vergewaltigen will, ist ein kleiner geschmacklicher Ausrutscher, der verzeihlich ist. Stimmlich lässt er keinen Wunsch offen, sein geschmeidiger Kavaliersbariton dominiert die Besetzung.
Seine Gräfin findet in Hanna-Elisabeth Müller eine wunderbar lyrische Interpretin, die nach einer etwas unruhig gesungenen Cavatine im dritten Akt zu großer Form aufläuft. Die Rolle der Susanna ist in der aufgezeichneten Aufführung geteilt: auf der Bühne agiert mit Witz und Charme Ying Fang, den vorzüglichen Gesang steuert aus dem Graben Maria Nazarova bei. Der Grund für diese Teilung war eine Indisposition Ying Fangs, sie „doubelte“ aber so überzeugend, dass man meinte, sie würde auch singen.
Peter Kellner ist ein erfrischend junger Figaro mit beweglichem Bariton, der für die Partie allerdings wenig Tiefe und damit Gewicht mitbringt. Überzeugend der Cherubin von Patricia Nolz, die einen schönen, schlanken Mezzo hören lässt. Sehr gut besetzt auch die Marcellina mit Stephanie Houtzeel, der Bartolo mit Stefan Cerny, die Barbarina mit Johanna Wallroth, der Basilio mit Josh Lovellund schließlich auch der Antonio mit dem polternden Wolfgang Bankl. Glücklich ein Haus, das auch kleine Rollen auf diesem Niveau besetzen kann.
Philippe Jordan dirigiert einen flüssigen, federleichten Mozart und hält Bühne und Graben gekonnt zusammen.
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Wolfgang Amadeus Mozart
Don Giovanni
Mozarts oft als Oper aller Opern titulierter Don Giovanni wird von Barrie Kosky chronologisch korrekt als zweite der drei Da Ponte Opern inszeniert.
Hier schlägt der Regisseur einen mehr abstrakten Weg ein. Bühnenbilder gibt es keine, die Handlung ist in einer grauen Felsenlandschaft verortet, die später mit wenigen Bäumen, danach durch eine abstrakte Skulptur „möbliert“ wird. Das Drama findet hauptsächlich in der intensiven Ausformung der handelnden Charaktere statt, Kosky beweist darin erneut seine Stärke in der Personenführung. Manche Regieeinfälle irritieren aber auch, so steht der gerade ermordete Komtur wieder auf, und verlässt langsam die Bühne. Gleiches geschieht am Ende mit Don Giovanni, der nicht physisch zur Hölle fährt, erst noch als Leichnam auf der Bühne liegt, diese danach aber auch wieder schlendernd verlässt. Das einzuordnen ist schon eine Herausforderung.
Kosky setzt stark auf Körperlichkeit in den Interaktionen, den Sängern wird Einiges an Beweglichkeit abverlangt. Sehr gelungen sind die farbenfrohen Kostüme von Katrin Lea Tag, welche die düstere Bühne konterkarieren. Wesentlich für ein Gelingen dieser Oper ist eine erotische Ausstrahlung des Titelhelden.
Diese ist durch den amerikanischen Bassbariton Kyle Ketelsen gewährleistet, der nicht nur seine wohltönende Stimme, sondern auch seinen attraktiven sportlichen Körper intensiv einsetzt. Philippe Sly als sein Diener Leporello ist ihm vom Timbre her ähnlich, und bietet zusätzlich noch nahezu akrobatische Fähigkeiten. Der Komtur von Ain Anger ist dagegen durch ein massives Vibrato etwas gehandicapt. Peter Kellner gibt als Masetto dieser eher undankbaren Figur eine erfrischend selbstbewusste Statur. Mit schönem lyrischen Tenor gibt Stanislas de Barbeyrac seinem Don Ottavio die verlangten Kantilenen.
Die Donna Anna von Hanna-Elisabeth Müller hat vielleicht zu wenig Volumen für diese Partie, in der zweiten Arie klingen ihre Koloraturen hart und unschön. Kate Lindsey als Donna Elvira hinterlässt einen deutlich stärkeren Eindruck, auch darstellerisch kann sie durchaus überzeugen. Gleiches gilt für die Zerlina von Patricia Nolz, die ihre Rolle durchaus emanzipiert anlegt.
Philippe Jordan am Pult und Pianoforte ist ein umsichtiger Koordinator mit energischen Tempi und einem ausgeprägten Gestaltungswillen. Trotz einiger schräger Inszenierungsdetails gelingt am Ende doch eine stimmige Aufführung.
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Wolfgang Amadeus Mozart
Cosi fan tutte
Mit Cosi fan tutte vollendet Barrie Kosky seinen Da Ponte-Zyklus
Handwerklich ist ihm das Stück sehr gut gelungen, das jugendliche Ensemble animiert er zu unglaublich sportlichen Aktionen. Das hat Tempo, Drive, ist flott und originell.
Die Idee, das Stück als Theater auf dem Theater zu inszenieren, nimmt diesem aber eine wesentliche Dimension. Kosky erspart es sich, den überraschenden Sinneswandel der Mädchen glaubwürdig zu machen, es bleibt unklar, wo der Bruch zwischen echter Emotion und Spiel stattfindet. Die „Theater-auf dem Theater“-Idee erweist sich als nicht wirklich tragfähig.
Auch die entscheidende Frage, wer mit wem am Ende zusammen ist, wird nicht beantwortet. Die beiden Paare knallen dem Regisseur Don Alfonso ihre Rollenbücher auf den Tisch das war’s.
Geschmeidig in Spiel und Gesang gibt Peter Kellner einen agilen Guglielmo, Christopher Maltman verleiht dem Alfonso etwas rauer Töne, ist als Figur aber stimmig und rollendeckend. Filipe Manu besitzt genau die Qualtät eines lyrischen Tenors, der für den Ferrando erforderlich ist.
Federica Lombardi bringt für die Fiordiligi einen biegsamen, höhensicheren Sopran mit, dem es nur leider an den tieferen Registern mangelt. So schön und klar Lombardi auch ihre Spitzentöne platzieren konnte. In der Tiefe ist die Stimme trocken und glanzlos.
Emily D’Angelo ist von der Regie deutlich androgyn angelegt, stimmlich ohne Zweifel auf der Habenseite der Aufführung.
Am besten kann von den Damen die Despina Kate Lindseys gefallen. Sehr rustikal im Auftreten und robust von der gesanglichen Leistung her, machten sich Defizite lediglich bei der Verstellung der Stimme als Arzt und Notar bemerkbar. Insgesamt ist die ungewöhnliche Besetzung der Rolle mit einem Mezzosopran eine gute Idee.
Das vielleicht Wichtigste bei Mozart gelingt: Stimmtypen und -Farben passen gut zusammen und das führt in den Ensembles zu wohlklingender Harmonie. Philippe Jordan kennt seinen Mozart und sorgt für gut koordinierte Abläufe. Was seinem Dirigat und dem Orchester ein wenig fehlt, ist die beschwingt, federnde Leichtigkeit, die in dieser Musik angelegt ist.
Wolfgang Amadeus Mozart
Le Nozze di Figaro
Don Giovanni
Cosi fan tutte
Chor und Orchester der Wiener Staatsoper
Philippe Jordan Dirigent
Barrie Kosky Regie
Unitel 769904, 770604,771004
zuerst erschienen bei http://www.klassik-begeistert.de