Daniel Barenboims Arbeit mit dem Chicago Symphony Orchestra begann 1969 mit einem Auftritt als Pianist, seine Zeit als Musikdirektor dieses Spitzenorchesters währte von 1991 bis 2006, mit diesen 15 Jahren steht er an der dritten Stelle der längsten Amtsträger.
Die nun vorgelegte Edition führt auf 37 CDs die über die Jahre bis 2001 entstanden Einspielungen, teilweise Live-Mitschnitte zusammen und erlaubt so einen retrospektiven Blick auf den Dirigenten Barenboim und die Entwicklung des Orchesters während seiner Ära. Diese spiegelt die Vielseitigkeit des Dirigenten und Pianisten wieder, dessen Konzertprogramme einen Bogen vom frühen 19. bis in das
späte 20. Jahrhundert schlagen, Beethoven ebenso wie Elliot Carter beinhalten.
Aus der Zeit lange vor seinem Amtsantritt stammt die Einspielung des Cellokonzertes von Dvořák, die 1970 entstand. Solistin ist hier die viel zu früh verstorbene Jacqueline du Pré, Ehefrau Daniel Barenboims. Eine ganze Reihe von Instrumentalsolisten der ersten Garnitur sind für weitere Aufnahmen aufgeboten. Itzhak Perlman brilliert mit den Violinkonzerten von Mendelssohn, dem 2.von Prokofiev, und jenem von Igor Strawinsky, außerdem bestreitet er gemeinsam mit Yo-Yo Ma das Doppelkonzert von Brahms. Maxim Vengerov spielte noch vor seinem Karriereknick die Violinkonzerte von Brahms und Sibelius, sowie das selten aufgeführte von Carl Nielsen ein, außerdem mit Barenboim am Klavier die dritte Violinsonate von Brahms.
Auch für die Konzerte mit Vokalsolisten wurden prominente Sänger verpflichtet. So interpretiert Deborah Polaski den Schlussgesang der Brünnhilde aus Wagners „Götterdämmerung“, der einen ganzen Zyklus von Vorspielen und Orchesterpassagen aus Opern von Wagner krönt. Auch das kammermusikalische Siegfried-Idyll ist enthalten.
Der Symphonie fantastique von Berlioz ist eine spektakuläre Einspielung der Marseillaise vorangestellt, in der Placido Domingo als Solist eingesetzt ist, der Chicago Symphony Chorus beweist sich darin als hervorragender Chor, der auch in Beethovens „Missa solemnis“ mit den Gesangssolisten Tina Kiberg, Waltraud Meier, John Aller und Robert Holl die Aufführung dominiert, noch deutlicher vielleicht in den großen Requien von Brahms und Verdi.
Mahlers „Lied von der Erde“ erklingt mit den Solisten Waltraud Meier und Siegfried Jerusalem, auch Mahlers 5. Symphonie ist vertreten.
Umfangreich sind zeitgenössische Komponisten und Klassiker der Moderne zu hören. Arnold Schönbergs „Verklärte Nacht“ und kurze Klavier-und Orchesterstücke des ikonischen Komponisten stehen neben der etwas anachronistisch anmutenden, ausladenden zweiten Symphonie Wilhelm Furtwänglers. Die Musik von Zeitgenossen kommt durch Kompositionen von Bernstein, Berio, Pierre Boulez, Elliot Carter, John Corigliano, Hannibal und Takemitsu zu ihrem Recht.
Besonders prominent ist Johannes Brahms vertreten, von dem sich alle vier Symphonien, weitere Orchesterwerke, das „Deutsche Requiem“, Violinkonzert- und Sonate, wie auch das Doppelkonzert in der Edition finden.
Von Richard Strauss sind neben den großen Tondichtungen auch kammermusikalische Werke zu hören. Vater und Sohn Johann Strauss kommen ebenfalls ausführlich zu Wort, neben dem Radetzkymarsch des Vaters erklingen die großen Walzer des Jüngeren.
Was an der Zusammenstellung besticht, ist die unglaubliche Vielseitigkeit Barenboims, der in dieser Edition quer durch alle erdenklichen Stile navigiert und sich als musikalischer Weltbürger erweist. Sie dokumentiert auch die Hinwendung des bedeutenden Pianisten zum souveränen Dirigenten, die in dieser Form wohl einmalig ist.
Mit dem Chicago Symphony Orchestra steht ihm allerdings einer der weltweit bedeutendsten Klangkörper zur Verfügung. Seit dem zweiten Weltkrieg hauptsächlich von europäischen Dirigenten wie Fritz Reiner und Barenboims Vorgänger, Sir Georg Solti geprägt, verfügt das Orchester über brillante Instrumentalsolisten und kann sich auch neben den amerikanischen Konkurrenten in Boston, New York und Cleveland behaupten. Die umfangreiche Kompilation dokumentiert nicht nur die Vielseitigkeit des Dirigenten Barenboim, sie ist gleichzeitig auch eine Hommage an dieses großartige Orchester und seinen ausgezeichneten Chor.
Barenboim
Chicago Symphony Orchestra
The Warner Classic Edition
Complete Teldec, Erato & EMI Classics Recordings
Warner 5021732980724 37 CDs
zuerst erschienen bei http://www.klassik-begeistert.de