Gewandhaus-Kapellmeister Nelsons würdigt seinen Vorgänger Mendelssohn

Gewandhaus-Kapellmeister Nelsons würdigt seinen Vorgänger Mendelssohn

Das weltberühmte Gewandhausorchester Leipzig wurde seit seiner Gründung von den bedeutendsten Dirigenten ihrer Zeit geleitet, die Liste liest sich wie ein Who’s who der jüngeren Musikgeschichte. Arthur Nikisch, Wilhelm Furtwängler und Bruno Walter zählten zu dem erlauchten Kreis, eine besonders prägende Persönlichkeit war der 5. Gewandhaus-Kapellmeister , Felix Mendelssohn.
Bis heute beschwört das Orchester den Geist des großen romantischen Komponisten und Dirigenten.

Der gegenwärtige, 21. in der Reihe, Andris Nelsons leitet das Orchester seit 2018, und sieht sich ebenfalls in der Traditionslinie Mendelssohns. Über mehrere Jahre hat er mit dem Orchester einen wesentlichen Teil der Orchesterwerke seines Vorgängers eingespielt, die nun in einer kompakten Box auf sieben CDs erscheinen.

Neben den fünf Symphonien sind auch die beiden vollendeten Oratorien „Paulus“ und „Elias“ enthalten. Insgesamt erstreckten sich die Aufnahmen von 2021 bis 2024.

Mit Schwung stürzen sich Nelsons und das Orchester in die jugendliche Glut der ersten Symphonie des erst 15-Jährigen, stilistisch noch von Mozart inspiriert, die von dem Ernst der symphonischen Kantate „Lobgesang“ konterkariert wird, die als zweite in den Kanon der Symphonien aufgenommen wurde. Die Solisten Christiane Karg, Elsa Benoit und Werner Güra, sowie der MDR-Rundfunkchor tragen zu einer ausgewogenen, dem religiösen Charakter des Werkes adäquaten Interpretation bei.

Die von einer Schottland-Reise des jungen Mendelssohn inspirierte dritte, die „Schottische“ Symphonie entstand zwar nach der als vierter gezählten „Italienischen“, die aber erst später im Druck erschien. Hier greift Mendelssohn zu einer getrageneren, stellenweise düsteren Klangfarbe, dies allerdings mit Ausnahme des fröhlichen Scherzos.

Die „Italienische“ ist die Frucht eines Italien-Aufenthaltes, das der junge Komponist im Rahmen einer damals üblichen Grand Tour bereiste, sie wurde 1833 in London uraufgeführt und Mendelssohn greift darin den musikalischen Geist des Landes auf.

Als fünfte zählt man die „Reformations-Symphonie“, die zeitlich gesehen aber bereits als 2. entstand. Ihr religiöser Charakter manifestiert sich am deutlichsten im vierten Satz, der das Kirchenlied „Ein feste Burg ist unser Gott“ variiert. Die Ähnlichkeit einer Passage mit dem Gralsmotiv Wagners erklärt sich aus der Verwendung des so genannten „Dresdner Amen“ aus der Sächsischen Liturgie.

Die Nummerierung von Mendelssohns Symphonien ist bis heute umstritten, chronologisch geordnet sind sie jedenfalls nicht. Obwohl nur die Symphonien zwei und drei vom Gewandhausorchester uraufgeführt wurden, sind sie sämtlich fest in der musikalischen DNA dieses Spitzenorchesters verankert. Wie seine Vorgänger taucht Andris Nelsons tief in die typischen, romantischen Klangfarben der Musik ein, und führt seine Musiker zu stimmigen Interpretationen.

Wesentlicher Teil der Edition sind die beiden Oratorien Mendelssohns. „Paulus“ entstand zu Beginn der Leipziger Jahre des Komponisten und wurde zu einem großen Erfolg, trotz der Einbeziehung von Chorälen, die zum Teil auf Kritik stieß. Die Einspielung wird vom sonoren Bass Georg Zeppenfelds dominiert, Julia Kleiter, Wiebke Lehmkuhl und Werner Güra sind die weiteren Solisten. Hervorragend präsentiert sich der MDR-Rundfunkchor, dem die größte Aufgabe zufällt.

Den Höhepunkt der Einspielungen bildet eindeutig die Interpretation des „Elias“, der allgemein als das reifste Werk Mendelssohns gilt, und hier in erstklassiger Besetzung erklingt. Wieder stellt der MDR-Rundfunkchor die Basis für die Solisten, die Titelrolle des Elias ist mit Andrè Schuens klangvollem, jugendlichen Bariton sehr gut besetzt, der Tenor Werner Güra, die Sopranistin Golda Schultz und die Altistin Wiebke Lehmkuhl tragen ebenfalls zum Gelingen bei. Es entsteht eine Realisierung der Partitur, die der Feierlichkeit und Eindringlichkeit des Werkes Rechnung trägt.

Sämtliche enthaltene Einspielungen sind Ausdruck einer hohen Orchesterkultur des Leipziger Klangkörpers, und gleichzeitig dessen Verbundenheit mit den Kapellmeistern Nummer 5 und 21!

Felix Mendelssohn
Oratorios & Symphonies

Gewandhausorchester
Andris Nelsons

DG 7 CD 4868178

zuerst erschienen bei http://www.klassik-begeistert.de

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