Selbst für nach dem Krieg geborene Wiener war der so genannte Heinrichshof, gegenüber der Staatsoper am Opernring gelegen, aus Erzählungen der älteren Generation noch ein Begriff. Kurz nach der Wiedereröffnung der Wiener Staatsoper wurde schließlich 1956 sein Nachfolgebau fertiggestellt, ein nüchternes, schmuckloses Gebäude, typisch für die Zeit.
Auf Spurensuche des kriegszerstörten und später abgerissenen gewaltigen Komplexes hat sich die Autorin Ulla Remmer begeben, nicht zuletzt wegen eines familiären Bezugs zu dem Gebäude. Remmer ist Spross jener Buchhändler-Familie, die einst im Heinrichshof die Buchhandlung Leo betrieb, die heute an anderem Ort weiterbesteht.
Schon bei der Schilderung der Entstehungsgeschichte des Heinrich-Hofes, wie er ursprünglich nach seinem Bauherren Heinrich Drasche, einem steinreichen Ziegelfabrikanten heißen sollte, wartet die Autorin mit interessanten Details auf, so erfährt man einige biographische Details über den Architekten, den Dänen Theophil Hansen, der sich später mit den Bauten für die Börse und das Parlament in Wien bleibende Denkmäler setzte.
Eine ausführliche Beschreibung der Architektur des Gebäudes und seiner Schmuckelemente gelingt trotz der wenigen erhaltenen Fotografien anschaulich und nachvollziehbar.
Der Schwerpunkt der umfangreichen Arbeit liegt auf der Sozialgeschichte des sich über sechs Parzellen erstreckenden Gebäudes, das während seiner gut 80-jährigen Existenz von Menschen nahezu sämtlicher sozialer Schichten bewohnt und genutzt wurde.
Nicht weniger als 96 Wohnungen und 48 ebenerdige Geschäftslokale standen im Heinrichshof, wie er bald genannt wurde, zur Verfügung. Ihre Mieter spiegelten die gesellschaftliche Vielfalt der Donaumonarchie wieder.
Die Autorin rekonstruiert anhand des legendären historischen Wiener Adressbuches Lehmann konkret Namen von Privatpersonen, wie auch Firmen und Ladengeschäften, die eine auch so gewollte Durchmischung sozialer Schichten bedeuteten. Die kommerziellen Mieter und Geschäftsleute geben mit der Art ihrer Unternehmungen einen interessanten Einblick auch in technische Entwicklungen jener Zeit. Kaffees und eine Bierhalle, aber auch Einrichtungen wie die „Britische und Ausländische Bibelgesellschaft“ werden beschrieben, ebenso die Auswirkungen des Börsenkrachs von 1873 auf Mieter des Heinrichshofes.
Umfangreich geschildert wird die wechselvolle Geschichte der Buchhandlung Leo und des angeschlossenen Verlages von Carl Konegen, zu der die Autorin einen persönlichen familiären Bezug hat.
Nicht unerwähnt bleibt auch, dass der Komponist Anton Bruckner während einer eher unglücklichen Lebensphase 1876/77 im Heinrichshof in einer Dachkammer logierte.
Das Ende der Monarchie destabilisiert nach 1918 die Politik und das öffentliche Leben in Österreich und führt speziell in Wien zu immer neuen Unruhen, die auch den Bewohnern und Geschäftsleuten im Heinrichshof zusetzen. Anhand verschiedener persönlicher, gut recherchierter Schicksale beschreibt Remmer beispielhaft die Verwerfungen der Zeit, die sich auch im Heinrichshof manifestieren.
Den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich lässt sie beispielhaft in Schilderungen von Zeitzeugen bedrückend dokumentieren. Der weltberühmte Tenor Leo Slezak, der zwanzig Jahre lang eine luxuriöse, 17 Zimmer umfassende Wohnung im Heinrichshof bewohnte, wird mit Äußerungen zitiert, die seine Abscheu vor den Nationalsozialisten und Hitler belegen, seine aus einer jüdischen Familie stammende Ehefrau kann er durch seine Prominenz schützen, aber er gibt die Wohnung auf, und zieht sich in sein Haus am bayerischen Tegernsee zurück.
Die Machtübernahme bedeutet für die nicht wenigen jüdischen Bewohner Gefahr für Leib und Leben, manche konnten sich durch Flucht ins Ausland retten, andere wurden interniert und später ermordet. Die Autorin versucht anhand von Eintragungen, bzw. deren Fehlen in späteren Ausgaben des Adressbuches Lehmann deren Schicksal zu rekonstruieren.
Das zunehmende Elend der Kriegsjahre wird anschaulich und exemplarisch am Niedergang des Kaffees Heinrichshof behandelt, auch die wechselvolle und durch Regime und Krieg beeinträchtigte Lage der Buchhandlung Leo steht für viele andere Schicksale.
Berichte von Zeitzeugen schildern detailreich den verheerenden Bombenangriff vom 12. März 1945, makabrerweise ist es der siebte Jahrestag vom Einmarsch Hitlers in Wien. Der Heinrichshof und die ebenfalls schwer getroffene Oper stehen in Flammen. Anders als das Operngebäude bleiben Teile des Heinrichshofes aber unbeschädigt und werden auch weiterhin genutzt. Viele Wohnungen können noch bewohnt werden, auch die Buchhandlung Leo kann ihren Geschäftsbetrieb weiterführen.
Nach dem Ende des Weltkrieges gibt es Bestrebungen, den Heinrichshof zu restaurieren, bzw. wieder aufzubauen. Letzten Endes wird aber doch der Abbruch der Ruine beschlossen, und Platz für den neuen Opernringhof geschaffen, der im Volksmund aber zumindest von der älteren Generation Heinrichshof genannt wird.
Der Autorin gelingt mit diesem umfangreichen Buch ein bedeutender Beitrag zur jüngeren Stadtgeschichte Wiens. Flüssig und gut lesbar geschrieben, ist das Buch voll von interessanten Details, die das Ergebnis von umfangreicher Recherche sind, und diese Arbeit zu einem Referenzwerk machen. Der bedeutende Heinrichshof, bisher nur eine historische Legende, ist siebzig Jahre nach seinem Verschwinden wieder erlebbar, dafür sei der Autorin gedankt.
Ulla Remmer
Das verlorene Vis –à– Vis am Opernring
mandelbaum verlag
zuerst erschienen bei http://www.klassik-begeistert.de