„Lady Macbeth“ an der KO Berlin: Liebe ist kälter als der Tod

„Lady Macbeth“ an der KO Berlin: Liebe ist kälter als der Tod
Lady Macbeth von Mzensk Dmitri Schostakowitsch Oper in vier Akten [1934] nach einer Erzählung von Nikolai Leskow Libretto von Alexander Preis Musikalische Leitung: James Gaffigan Inszenierung: Barrie Kosky Bühnenbild: Rufus Didwiszus Kostüme: Victoria Behr Dramaturgie: Daniel Andrés Eberhard Chöre: David Cavelius Licht: Olaf Freese Foto: Monika Rittershaus

Es gibt sie also noch, diese Opernabende, an denen einfach Alles stimmt und glückt. So geschehen an diesem eisigen Januar-Sonntag im Schillertheater, dem Ausweichquartier der Komischen Oper Berlin.

Der ehemalige Hausherr Barrie Kosky wuchtete eine Inszenierung auf die Bühne, die kompromisslos die menschliche Niedertracht der Protagonisten ausstellte. Der Verzicht auf Bühnenbilder reduzierte weite Teile der Oper zum Kammerspiel, das die Sänger auch als Darsteller forderte, Aufgaben, denen sie hervorragend gerecht wurden. Der Einsatz der zu Recht gerühmten Chorsolisten der Komischen Oper in vielen Szenen wird zum zusätzlichen Joker der Aufführung. Sogar zu einigen Tanzfiguren konnte der Regisseur sie animieren. Kosky nimmt die stark rhythmisierte Musik als Taktgeber für die Körpersprache der Sänger, selbst der mehrfach szenisch simulierte Beischlaf wurde so in Musik übersetzt.

Die Inszenierung ist nichts für zart besaitete Gemüter, mehrfacher Mord, Selbstmord und schwere Misshandlungen werden in aller Drastik dargestellt, aber sie sind schon in der literarischen Vorlage angelegt. Man erlebt eine negative Sicht auf die russische Seele, die hier ganz schlecht wegkommt. Vielleicht war es ja mehr das Libretto, das seinerzeit Stalin zum Bann des Werkes bewegte?

Die Aufführung ist so sehr aus einem Guss, dass es schwerfällt, einzelne Glanzlichter herauszuheben. Eines war aber sicher die Szene mit dem heillos betrunkenen Popen, der nicht in der Lage ist, dem qualvoll sich verröchelnden Schwiegervater Katerinas geistlichen Beistand zu leisten.
Di­mi­try Iva­shchen­ko liefert hier ein virtuoses Kabinettstück von Verkommenheit. Eigentlich würde jeder einzelne Mitwirkende eine Hervorhebung verdienen.

Lady Macbeth von Mzensk © Monika Rittershaus

Getragen wird die Aufführung schon von dem stummen, pantomimischen Beginn an von der sensationellen Ambur Braid. Das Zusammenspiel mit anfangs dem bösartigen Schwiegervater von Dmitry Ulyanov, später mit dem Liebhaber Sergej von Sean Panikkar ist von atemberaubender Dichte.

Sowohl Ulyanov, als auch Panikkar haben großen Anteil am Gelingen des Abends. Die Kälte des anfangs feurigen Liebhabers im weiteren Verlauf darzustellen, gelingt ausgezeichnet, wobei der opportunistische, charakterschwache Sergej mit einem kräftigen Spinto-Tenor von interessantem Timbre ausgestattet ist. Braids Stärke ist vor allem die Wandelbarkeit ihres großen Soprans. Dadurch gewinnt die zwischen Frustration, Liebesrausch und schließlich Verzweiflung changierende Figur an Glaubwürdigkeit.

Lady Macbeth von Mzensk © Monika Rittershaus

Der Abend ist mit drei Stunden Dauer ein schweres Kaliber, aber das Publikum ist gebannt und geht begeistert mit. GMD James Gaffigan führt das Orchester der Komischen Oper zu wahren Höhenflügen, am Ende erhält es verdient einen großen Anteil am Applaus. Der stürmische Schlussapplaus hält so lange an, dass er erst durch einen endgültig fallenden Vorhang gestoppt werden kann.

Bei dem permanenten inoffiziellen Lokalderby der drei großen Berliner Opernhäuser hat in diesem sibirischen Januar die Komische Oper eindeutig die Nase vorne!

Dmitri Schostakowitsch
Lady Macbeth von Mzensk

Besetzung:

Boris Timofejewitsch Ismailow / Geist des Boris

Dmit­ry Ul­ya­nov

Sinowi Borissowitsch Ismailow

Elmar Gilbertsson

Katerina Lwowna Ismailowa

Am­bur Bra­id

Sergej

Sean Panik­kar

Aksinja

Mir­ka Wag­ner

Der Schäbige

Cas­par Krie­ger

Pope

Di­mi­try Iva­shchen­ko

Polizeichef

Marcell Ba­kon­yi

Sonjetka

Su­san Zar­ra­bi

Alter Zwangsarbeiter

Stephen Bronk

Inszenierung: Barrie Kosky

Dirigent:  James Gaffigan
Orchester der Komischen Oper

Komische Oper im Schillertheater Berlin, Premiere am 31. Januar 2026

zuerst erschienen bei http://www.klassik-begeistert.de

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